Initiationsritual Matura?

Ja, ja, die Matura. Vor ein paar Wochen hatte ich noch gedacht, sie würde keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken – und schon setzten wilde Diskussionen über Sinn und Unsinn der Matura im Allgemeinen und der Mathematikmatura im Besonderen ein. So kann man sich täuschen.

Gerade habe ich eine Diskussionssendung auf Ö1 über das „Initiationsritual Matura“ gehört. Anwesend waren eine Maturantin aus Wien sowie der Bildungsforscher Stefan Hopmann von der Uni Wien. Interessant, was da so gesagt wurde – und was man bei uns an der Schule in diesen Tagen der mündlichen Matura ja auch selbst wieder beobachten kann: Die Matura in der nunmehrigen Form ist im Wesentlichen eine aufwendige, Stress und Angst erzeugende und insgesamt wenig förderliche Angelegenheit. Immer mehr Menschen meinen sogar, man sollte sie schlichtweg abschaffen.

Schon erstaunlich, wohin man’s gebracht hat in gerade einmal drei Jahren Zentralmatura! Auch ich, eigentlich ja ein Fan des Initiationsrituals Matura, neige mittlerweile dazu, die Matura, so wie sie sich jetzt darstellt, für entbehrlich zu halten. Allerdings finde ich, genau so wie es Stefan Hopmann am Ende der Sendung gesagt hat, dass es eher darum gehen sollte, die Matura wieder zu dem zu machen, was sie einmal war, nämlich eine Gelegenheit für SchülerInnen, am Ende der Schullaufbahn zu zeigen, was sie gelernt haben und was sie wissen und können.

Was die Matura einmal war, habe ich vor einiger Zeit schon einmal versucht ausführlich darzustellen (in Die Reife in Zeiten der Kompetenzorientierung ist es nachzulesen). Man bot den SchülerInnen tatsächlich die Möglichkeit, über sich selbst hinauszuwachsen, sich als reife Persönlichkeiten zu präsentieren, mit ihrem Wissen und ihren eigenen Stärken zu punkten. Insbesondere die mündliche Matura, der Schlusspunkt dieser Inszenierung, verfolgte dieses Ziel. Noch vor vier Jahren konnte ich das schöne Ritual beobachten und mich mit meinen Maturantinnen an ihrer Leistung, an ihrem Können und ihrem Wissen erfreuen.

Und jetzt? Jetzt ist die mündliche Matura ein für Schüler wie Lehrer anstrengender und ermüdender Akt, der fast nichts mehr von dem Großartigen hat, das ihm einst anhaftete. Ein Kandidat nach dem anderen zieht sein Thema aus dem Themenpool und los geht’s. Eine Englischprüfung nach der anderen, eine Psychologieprüfung nach der anderen. Im Vordergrund steht nicht mehr der junge Mensch, im Vordergrund steht der Themenpool, allenfalls noch die Kompetenzen, über die der jeweilige Kandidat in einem bestimmten Fach verfügt und die von der Kommission überprüft werden. Alles schön messbar, alles (zumindest auf dem Papier!) perfekt vergleichbar. Wer’s nicht glaubt, möge sich die Beurteilungsskalen anschauen, mit denen man in den Fremdsprachen die sprachlichen Kompetenzen zu messen hat.

Die Maturantin, die gestern bei mir in Französisch maturiert hatte, absolvierte heute Vormittag ihre zweite Prüfung. Und erst am kommenden Dienstag wird sie dann ihre Matura unter Dach und Fach haben. Was das außer Erschöpfung und einem Gefühl des „Und das war’s jetzt?“ ergeben soll, ist mir schleierhaft.

Gut, die SchülerInnen kennen’s nicht anders und wissen nicht, wie erhebend so eine mündliche Matura noch vor Kurzem sein konnte. Wir LehrerInnen aber wissen’s und es macht mich immer noch fassungslos, wie leichtfertig man das alles über Bord geworfen hat. Bis vor vier Jahren begleitete man als LehrerIn die Maturanten durch ihre Prüfungen. Man bekam etwas aus den anderen Fächern mit, man sah die individuellen Stärken und ja, manchmal auch Schwächen der jungen Menschen. Die Kommission saß einen halben Tag lang zusammen, es wurden alle Fächer geprüft, die sich der jeweilige Kandidat ausgesucht hatte. Am Ende hielt der oder die Vorsitzende eine Ansprache und die gesamte Kommission gratulierte den Kandidaten. Nicht, dass das nicht anstrengend war. Aber: Das hatte Stil, das hatte Würde. Und das war, bis hin zu den Fragen, persönlich auf die jeweiligen Maturanten zugeschnitten.

Aber nein, das musste weg. Das Einzige, was die Bildungspolitik in diesem schönen Ritual offenbar zu sehen vermochte, war die Tatsache, dass es – so wie im Übrigen alle am Menschen orientierten Systeme – die Möglichkeit bot, in die eine oder andere Richtung ausgenutzt zu werden. Dass es den allermeisten LehrerInnen jedoch darum ging, mit den persönlich zugeschnittenen Fragen, jenen Menschen, die sie jahrelang unterrichtet hatten, in deren Interessen und Stärken entgegenzukommen, ihnen eine Plattform zu bieten, sich präsentieren zu können, nahm man entweder nicht wahr oder man wollte es nicht mehr haben.

Im Endeffekt ist die neue Form der Matura weniger ein Initiationsritual als vielmehr ein ritualisierter technokratischer Kompetenzscan – und eigentlich ein Betrug an den jungen Menschen: Man versprach Vergleichbarkeit und schuf Ödnis, man versprach Kompetenzorientierung und schuf Vermessung, man versprach Individualisierung und schuf Einheitsbrei. Nicht mehr der Mensch zählt, sondern das auf allen Ebenen standardisierte Prüfungsformat.

Gratulation zur nicht bestandenen Reifeprüfung, kann man da nur sagen!

(nemo)

 

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Gastbeitrag: „Unterhaltsames“ aus dem Informatiksaal

Ein EDV-Kustos hat kein leichtes Leben. Ein Kollege hat sich erstmals nach vielen Jahren auf sehr nette Weise Luft gemacht. Stellen Sie sich das Ganze ruhig ärger vor!

Trist und öde ist das Leben eines Informatik-Kustos bzw. Lehrers, sodass man über jede Abwechslung vom grauen Alltag wirklich froh ist. Wie schön ist es da, dass es liebe KollegInnen und SchülerInnen gibt, die mir mit ihren netten Ideen die Zeit in der Schule kurzweiliger gestalten und das Leben verschönern.

Das sind zum einen SchülerInnen, die kurz vor der Abgabe eines Projekts oder auch während eines Projekts im gut temperierten Infosaal – während des Informatik-Unterrichts – Unterschlupf suchen, den Drucker ebendort entdecken, viele Seiten ausdrucken und dann fast genauso viele vollbedruckte Seiten wieder liegen lassen. Es macht Spaß, dann in den nicht abgeholten, ausgedruckten Stapeln zu schmökern – dabei erfährt man ja auch so einiges, was an der Schule gerade passiert.

Auch die wunderschön – mit Permanent-Marker – immer wieder auf das Whiteboard geschriebenen Tafelbilder helfen mir sehr, mich in anderen Fächern weiterzubilden. Das aktuelle Tafelbild – soweit ich es zuordnen kann aus dem Bereich der Geographie – habe ich jetzt verstanden und gelernt und würde mich freuen, wenn es der oder die verantwortliche Künstler/in auch wieder selber entfernen würde. Vielleicht soll es aber auch ein gutgemeinter, verdeckter Bewegungsimpuls sein – beim Entfernen von Permant-Marker kommt man ja ganz schön ins Schwitzen. Schaden würde es mir ja nicht!

Auch mit unseren in die Jahre gekommenen und schon etwas brösligen Headsets (neudeutsch für Kopfhörer – die Mikros sind eh schon lange abgebrochen worden) kann man spannende Spiele spielen: Wenn von einem Tag auf den anderen fast 15 Headsets verschwinden und dann im Laufe der nächsten Wochen doch wieder auftauchen, fällt das für mich in den Bereich der Computer-Mysterien bzw. der Ratespiele. Gelöst habe ich das Rätsel noch nicht – aber genau das macht es ja so unterhaltsam!

Ich möchte mich auch für die vielen im Raum 304 hinterlegten USB-Sticks bedanken. Leider ist es schwer für mich, herauszufinden wer denn der Besitzer oder die Besitzerin dieser technischen Wunderwerke ist, weil ich sie sehr ungerne einfach an einen Schulcomputer anstecke. Oft verbirgt sich auf so einem Stick gar Böses, was dann wieder für viel Spaß und Unterhaltung für einen Info-Kustos sorgen könnte! Darum möchte ich alle (potentiellen oder realen) USB-Stick Besitzer und -innen zum lustigen – ‚ich-suche-meinen-USB-Stick-Spiel‘ einladen.

Das aktuelle Spiel, das sich irgendwer für uns ausgedacht hat, finde ich persönlich jetzt nicht ganz so lustig. Ich habe es schon als Kind lieber gehabt, beim Verstecken-Spielen mich selber zu verstecken als andere(s) zu suchen. Deshalb finde ich das ‚suche-die-Beamer-Fernbedienung-Spiel‘ nicht ganz so toll, obwohl es mir auch gar nicht so dringend ist. Ich kann auch mit meinem Handy den Beamer bedienen – das soll jetzt aber bitte keine Aufforderung sein, auch mein Handy zu verstecken!

Das lustige  ‚wir-vertauschen-die-Lautsprecher-in-verschiedenen-Klassen-und-manchmal-nehmen-wir-sie-auch-einfach-mit-Spiel‘ ist ohnehin schon legendär und schon viele (vor allem – aber nicht nur) Sprach-KollegInnen haben sich spontan und unbeschwert daran erfreuen können, wenn in ihrer Klasse dann gerade keine Lautsprecher waren.

Zum Abschluss noch ein Spiel, dessen Humor sich mir noch nicht ganz erschlossen hat: eine Klasse hat – sicherlich nur um die Kustoden und den IT-Systembetreuer zu erfreuen, eine Computerhalterung abgeschraubt, Kabel mitsamt Befestigungen herausgerissen, montierte Dosen im Kabelkanal demoliert, und gleich noch 1 VGA und 2 HDMI Kabel komplett zerstört.

Da war ich dann doch etwas geknickt und ich hätte sogar fast eine kleine Träne herausgequetscht.  Aber was solls – es sind eh bald Ferien und da sind dann ja 9 Wochen Zeit um alles wieder ohne Stress in Ordnung zu bringen. Jucheeee!

© Martin Tollich 😉

Eine Matura zum Abarbeiten

Abgearbeitet is‘, die diesjährige Zentralmatura. Die Kompensationsprüfungen stehen noch aus, dann aber ist der Haupttermin 2017/18 auch schon wieder passé. In Mathematik sind offenbar mehr Schüler als in den letzten Jahren durchgefallen, in Deutsch und in den Fremdsprachen scheint österreichweit alles im grünen Bereich. Die noch folgenden mündlichen Prüfungen werden bekanntermaßen nicht zentral gestellt.

Drei Jahre nach ihrer Einführung hat sich die Aufregung um die Zentralmatura – abgesehen von den schlechten Mathe-Ergebnissen – weitgehend gelegt. Wie bei so vielen Hypes, Empörungsanlässen und medialen Skandalen ist die Aufregung zunächst riesengroß, wenig später folgt Lethargie und danach wär’s eigentlich eh schon fast wieder Zeit für eine Reform und damit für einen neuen Anlass, sich aufzuregen. Wir sind eine Erregungsgesellschaft. Peter Sloterdijk wusste das bereits vor Jahren.

Auch wenn also die gegenwärtige Zentralmatura fast keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlockt, soll hier doch noch einmal ein Blick auf die Deutsch- und auf die Französisch-Matura geworfen werden. Denn: Besser ist es nicht geworden, was wir den Maturanten da vorsetzen. Gut, die Qualität der Inputtexte der heurigen Deutschmatura ist solide. Da leistet man sich keine Schnecke mehr. Das eigentliche Problem aber, die Form dieser Matura, ist immer noch gleich (schlecht).

Wobei, „schlecht“ trifft’s eigentlich nicht. Die Deutschmatura ist nicht „schlecht“, sie ist nur öde, unlustig und zäh. Nach wie vor wird genau vorgegeben, was man zu tun hat, nach wie vor muss man zwei Texte verfassen, immer noch gehören diese zwei Texte zwei unterschiedlichen Textsorten an: Textinterpretation und Leserbrief, Sachtextanalyse und Kommentar, Erörterung und Zusammenfassung. Bei jedem der drei Themenpakete wird erwartet, dass die SchülerInnen den Inhalt des Inputtextes wiedergeben, den Text analysieren/interpretieren bzw. das Thema argumentativ durchdringen, den Text beurteilen bzw. zum Thema Stellung nehmen können. Genau so wie es die kompetenzorientieren Aufgaben halt vorsehen.

Die Ödnis des vorgefertigten Schreibens habe ich schon vor drei Jahren beschrieben – das Problem ist, es ödet heute noch genauso wie damals. Alle drei Themen des heurigen Jahres (1. Literatur-Kunst-Kultur, 2. Respekt, 3. Entscheidungen treffen) sind grundsätzlich nicht uninteressant, sämtliche Packungsbeilagen in Ordnung – die Deutschmatura ist dennoch nichts anderes als ein Auftrag zum Abarbeiten und Erfüllen. Der Schüler wird veranlasst zu beweisen, dass er in der Lage ist, dem vorab definierten Standard zu entsprechen. Weder Originalität noch Kreativität sind gefragt, weder soll die Schülerin zeigen können, was sie alles weiß und kann, noch soll sie den eng gesetzten Rahmen der Vorgaben sprengen. Stattdessen sollen die beiden brav zwei Normtexte produzieren und ihre Schreibkompetenzen unter Beweis stellen. Herausfordernd und lustvoll ist das nicht und soll es wahrscheinlich auch nicht sein. Die Zeiten, in denen es bei einer Deutschmatura auf eigene Ideen und individuelle Gedankenführung ankam, in denen eine Deutschmatura (auch) Freude bereiten, in denen man auf eine gelungene Deutschmatura sogar stolz sein durfte, in denen man bei einer Deutschmatura aber auch grandios scheitern konnte, sind vorbei. „Goethe und ich“ lautete das Maturathema einer Bekannten, „Die Frau in der Literatur der letzten hundert Jahre“ mein eigenes. Textbeilagen gab es weder hier noch dort, dafür durfte man auf alles rekurrieren, was man wusste und zu dem Thema in der und durch die Literatur gelernt hatte.

Noch schlimmer als in Deutsch ist das Bemühen um Standardisierung in den Fremdsprachen. Egal, ob Englisch, Spanisch oder Französisch – die Klausuren unterscheiden sich nur hinsichtlich des Sprachniveaus. Alles andere ist gleich, sowohl formal als auch inhaltlich. Zuerst müssen vier Lesetexte abgearbeitet werden, danach vier Hörtexte sowie vier Texte, in denen die Sprache im Kontext überprüft wird, bevor schließlich zwei Texte geschrieben werden müssen. Alles ordentlich, alles feldgetestet, alles normiert. Es ist wirklich ein einziges Abarbeiten der Texte und Aufgaben, was hier verlangt wird. Nicht, dass es anspruchslos wäre, überhaupt nicht. So manche(r) von uns wäre verzweifelt, hätte man ihm oder ihr einen Hörtext zweimal vorgespielt, erwartet, dass er oder sie die richtige Antwort aus mehreren in Frage kommenden findet und zuordnet, bevor 45 Sekunden später der nächste Hörtext startet…

Nein, so leicht wie manche behaupten ist sie nicht, die Zentralmatura, weder in Deutsch noch in den Fremdsprachen, von Mathematik ganz zu schweigen. Dazu kommt auch noch die VWA, die die Schüler bereits im Vorfeld verfassen und präsentieren müssen und die so manchem die Zeit zum Lernen der Maturafächer über Gebühr verknappt. Aber öde ist sie, grässlich öde und uninspirierend. Sie befördert einen mechanistischen Zugang zum Denken und verdirbt auch dem Letzten noch die Freude daran. Am Ende der Schulkarriere steht das formalistische Abarbeiten der Maturaaufgaben. Das versteht man in Zeiten der Kompetenzorientierung als Reife. Genormt, vermessen und standardisiert: Hurra, die Automatisierung kann kommen!

(nemo)

Gesucht: Das denkende Subjekt

Nachfolgend zwei Zitate der deutschen Bildungsforscherin Ursula Frost (Professorin für allgemeine Pädagogik an der Uni Köln). Das Interview ist heute im „Standard“ erschienen.

  • zur Kompetenzorientierung in den Schulen:

„Die Rede von Kompetenzorientierung ist irreführend. Kein Bildungsmodell hat jemals auf die Ausbildung von Können verzichtet. Man denke nur an früher viel ausgeprägtere Schreib- und Stilübungen, Lese- und Rechenübungen usw. Aber als pädagogische Leitkategorie ist Kompetenz ungeeignet, weil damit ein technologisches Menschenbild verbunden ist, das – unter Umgehung der sachlichen und persönlichen Relationen – Schülerinnen und Schüler in standardisierten Steuerungsverfahren auf je bestimmbare Ergebnisse festlegt. Die Sicherung der Ergebnisse erscheint wichtiger als ihre einsichtige Begründung, und das zeigt, dass hier ein gefährlich verkürztes, inhumanes Modell angesetzt ist. Bildung ist mehr als die Akkumulation von Kompetenzen in beliebiger Montierbarkeit von Einzelteilen. Wir brauchen den Umweg über das denkende Subjekt, das Sachen aneignet und Handeln verantwortet.“

  • zum veränderten Umfeld (beispielsweise durch multikulturelle Klassen), in dem LehrerInnen heute unterrichten:

„Am Gängelband von Kompetenzrastern und gesteuerten Anpassungskontrollen wird es kaum gelingen, diesen Herausforderungen gerecht zu werden. Es dürfte auch nicht wirklich helfen, die standardisierten Verfahren durch multiprofessionelle Sozialtechnologie zu erweitern, die demselben Steuerungsmodell zugehört. Vielmehr käme es hier auf die persönliche Erfahrung und Präsenz von Lehrerinnen und Lehrern an, auf ihre Sensibilität für Menschen und pädagogische Situationen, auf Takt und Fantasie, um einen Rahmen zu schaffen, der sachliche Auseinandersetzung möglich macht. Viele Lehrerinnen und Lehrer bringen diese Voraussetzungen mit, werden aber durch die Überforderungen der Steuerungs- und Kontrollmaschinerie an ihrer fachlichen und pädagogischen Arbeit gehindert.“

(nemo)

 

Reisen bildet – so oder so. Eine Nachlese zur Kulturreise nach Brüssel und Amsterdam

Nachdem wir am Sonntag den lauen Abend in der Brüsseler Innenstadt rund um die Grand Place verbracht hatten, ging es am Montagmorgen mit unseren Terminen bei den EU-Institutionen los. Bis Mittwoch Nachmittag besuchten wir folgende Stellen: die EU-Kommission (Vortrag: Sören Haar), die ständige Vertretung Österreichs bei der EU (Vorträge: Mirjam Dondi, Roland Meinecke), das EU-Parlament (Vortrag: Albrecht John) und das Verbindungsbüro des Landes Salzburg zur EU (Vorträge: Michaela Petz-Michez, Christoph Stodola). Dazu kamen Besuche im Parlamentarium und im Haus der europäischen Geschichte. IMG_8688

Was mich wirklich beeindruckt hat, war die perfekte Organisation und das ernsthafte Bemühen aller ReferentInnen, den SchülerInnen ihre Arbeit bzw. die Aufgabe der jeweiligen Institution zu vermitteln. Wo auch immer wir hinkamen, wurden wir bereits erwartet und freundlich begrüßt. Nirgendwo hatten wir das Gefühl, eine bloße Nummer zu sein. Entgegen den landläufigen EU-Klischees von Abgehobenheit und Brüsseler Technokratie bemühte man sich um unsere Gruppe, nahm sich Zeit und suchte das Gespräch mit den Schülern und uns Lehrerinnen. Eine wirklich wohltuende und bereichernde Erfahrung!

Inhaltlich fügte sich für die SchülerInnen ein Mosaiksteinchen an das andere. Beim ersten Termin in der Kommission war vieles noch fremd und unbekannt, nach und nach aber wurden die Zusammenhänge und Aufgabengebiete klarer. Ich glaube wirklich, dass sich das Wissen um die EU in diesen Tagen bei vielen potenziert hat – auch wenn mich die Ergebnisse des kleinen Tests, den ich den Schülern heute unterbreitet habe, wieder einigermaßen auf den Boden der Realität zurückgeholt haben …

Natürlich bin ich nach wie vor davon überzeugt, dass SchülerInnen viel auf so einer Reise lernen. Trotzdem macht mich die eingeschränkte Aufnahmefähigkeit und zur Schau gestellte Ignoranz von einigen (nicht von allen!) auch ein bisschen ratlos. Ein Grund dafür ist die Dauerpräsenz des Smartphones. Wenn der Blick so häufig auf das Display gerichtet ist, bleibt einfach nicht mehr viel Aufmerksamkeit für die Umwelt. Natürlich hat jeder immer einen guten Grund, warum er oder sie aufs Handy schauen muss. Es geht mir ja nicht anders. Insgesamt sind die Dinger aber nichts anderes als eine Pest. – Als ich den Schülern während der langen Zugfahrt von Amsterdam nach Hause gesagt habe, dass ich ihre Wischkästchen am liebsten allesamt aus dem Fenster werfen würde, hat ein Schüler gemeint, ohne Handy während einer mehrstündigen Bahnfahrt, da könne man sich ja gleich umbringen. Natürlich meinten wir es beide nicht wörtlich, ein bisschen ernst war uns die Blödelei aber schon.

Ein weiterer Grund dafür, dass bei manchen weit weniger hängen bleibt als erhofft, ist die bröckelnde Idee von Allgemeinbildung und die Infragestellung ihrer Relevanz. Ob man beispielsweise etwas von den Führungen in einem Kunstmuseum behält, scheint einigen (nicht allen!) lediglich eine Frage von persönlichem Interesse zu sein. Und wofür man sich interessiert, da ist man gerne tolerant: Meine Güte, der eine interessiert sich für Fußball, der andere für Kunst. Dass es aber auch eine Frage von Bildung ist, Namen wie Rembrandt oder Vermeer zu kennen, 5882Lwird immer öfter bezweifelt. Die Schule dient vielen in erster Linie als Vorbereitung auf die Matura, und wenn jemand nicht freiwillig in Bildnerischer Erziehung maturieren will, scheint er wenig Verwendung für solcherart nutzloses kunstgeschichtliches Wissen zu haben. Da kann die Führung im Museum noch so interessant und launig gewesen sein. Unmittelbar danach wird das als unbrauchbar eingeschätzte Wissen entsorgt. Der Konsens, dass ein Gymnasium Allgemeinbildung vermittelt und Allgemeinbildung idealiter all das umfasst, was im Schulunterricht in den verschiedenen Fächern im Laufe der Jahre zusammenkommt, existiert einfach nicht mehr. Die Schüler spiegeln uns da allerdings nichts anderes als eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung wider.

Aber zurück zur Reise und zu den positiven Erlebnissen: Nach den EU-Institutionen haben wir uns in Brüssel noch das Comic-Museum und natürlich das Atomium angeschaut. Am nächsten Tag ging es weiter nach Amsterdam. Dort besuchten wir das Van Gogh- und das Rijksmuseum. Beides großartige Museen mit wunderbaren Gemälden – immer vorausgesetzt natürlich man interessiert sich für Kunst. 😉 IMG_8731

Fast eine Woche nach der Rückkehr fühle ich mich immer noch ein bisschen müde. Die Herausforderung, zwei mir bislang unbekannte Städte im Beisein von 28 Jugendlichen zu erkunden, war riesig. Umso mehr freue ich mich, diese gemeistert zu haben und mit Brüssel und Amsterdam darüber hinaus zwei Städte kennengelernt zu haben, die sowohl uns Lehrerinnen als auch die Schüler beeindruckt haben.

Hierzu abschließend noch ein paar schöne und erfreuliche Statements der SchülerInnen:

Wir hatten die Möglichkeit, in das Van Gogh-Museum zu gehen und viele verschiedene europäische Institutionen zu besuchen. Dort haben wir überall interessante Dinge erfahren.

Man hat gemerkt, dass es den Leuten in Brüssel von großer Wichtigkeit ist, dass wir einen guten Eindruck von der EU erhalten. Beispielsweise war das Museum der Geschichte Europas für alle Besucher kostenlos, obwohl dort mindestens zwanzig Angestellte tätig waren und es sogar noch Sicherheitskontrollen gab.

Brüssel klang vielversprechend, aber ich wusste gar nicht, was es außer den EU-Institutionen dort sonst noch gab. (…) Die Reise war für mich auf jeden Fall sehr lehrreich und informativ. Vor allem der Aufenthalt in Amsterdam war eine der coolsten Sachen. Amsterdam zählt nun zu meinen Lieblingsstädten.

Ich war schon immer begeistert von der EU, also war es für mich wie ein „Dream come true“ als ich hörte, dass wir nach Brüssel fahren. (…) Ich war selten so überwältigt. All diese wichtigen Gebäude zu betreten war einfach ein Wahnsinn. (…) Der Traum, in Zukunft einmal etwas mit Politik oder Wirtschaft zu machen, besteht schon lange, aber dieser Gedanke hat sich fast zu einem Lebensziel entwickelt, als ich in Brüssel war.

Diese Reise nach Brüssel und Amsterdam hat mir so gut gefallen und total viel Spaß gemacht. Ich habe so viel über die Europäische Union erfahren und so viel Neues kennengelernt, dass ich die darauffolgenden zwei Tage so viele Stunden und so gut geschlafen habe, wie schon seit Wochen nicht mehr.

Ich auch!

(nemo)

 

 

Klassenreise Brüssel – Amsterdam

Müde, aber sehr zufrieden sitzen wir im ICE von Amsterdam in Richtung Heimat. Zwei Umstiege stehen uns noch bevor. Kein ganz leichtes Unterfangen mit 28 Schülern.

Vier Tage Brüssel und zwei Tage Amsterdam liegen hinter uns. Aktuell sind wir, glaube ich, noch alle beeindruckt vom gestrigen King’s Day in Amsterdam. Unglaublich, wie ausgelassen und fröhlich eine ganze Stadt feiern kann (und wie ansteckend das ist).

Aber auch Brüssel ist eine wunderbar lebendige und vielfältige Stadt. Wir waren höchst angetan vom multikulturellen Flair und der entspannten Atmosphäre.

Überhaupt hatten wir alle den Eindruck, dass die Grundstimmung bei uns viel aggressiver ist und viele Leute im eigentlich so schmucken Salzburg grantiger und unfreundlicher wirken.

Über die Inhalte unserer ebenso dichten wie interessanten, lehrreichen, aber auch lustigen und spannenden Kulturreise, die ja im Rahmen des Jahresprojekts „Europa schreiben“ stand, berichte ich in den nächsten Tagen (wenn ich wieder ausgeschlafen bin). Einstweilen wundere ich mich darüber, dass sich an der Grenze zwischen Holland und Deutschland offenbar die Stromversorgung ändert, und hoffe inständig, dass sich die Bahn an die Fahrpläne hält und wir in schlanken 8 Stunden tatsächlich in Salzburg einrollen werden. Immerhin sind wir jetzt schon in Deutschland… 😅

(nemo)

Was täglich in der Schule so passiert …

ist jedenfalls eine ganze Menge.  Ja, die Tage und Wochen sind wieder einmal so dicht, dass ich nicht und nicht dazukomme, über all das zu schreiben, worüber ich gerne schreiben würde. Ok, möglicherweise ist nicht alles von dem, was täglich so passiert, unbedingt mitteilenswert, trotzdem, zumindest ein paar Dinge will ich kurz erwähnen bzw. auflisten:

  • unsere große Reise im Rahmen des Kulturprojekts steht vor der Tür. Am Sonntag fliegen wir nach Brüssel, am Donnerstag geht’s weiter nach Amsterdam. In Brüssel stehen in erster Linie Besuche bei verschiedenen EU-Institutionen auf dem Programm, in Amsterdam der Besuch mehrerer Museen und natürlich die Stadt selbst. Zudem haben die SchülerInnen verschiedene Schreibaufgaben zu erledigen. Unser Projekt trägt ja den Titel „Europa schreiben“.
  • Apropos „Europa schreiben“: Die Schreibwerkstätten, die eine Schriftstellerin mit den SchülerInnen bereits durchgeführt hat und noch durchführen wird, sind großartig. Es ist beeindruckend, was für schöne, interessante, lustige, poetische und ungewöhnliche Texte beim kreativen Schreiben herauskommen – auch von Schülern, die sich mit dem informierend-analytisch-argumentativen Schreiben im Deutschunterricht wahnsinnig plagen.
  • Apropos Reise: Eine Exkursion nach Brüssel wird erfreulicherweise vom Land gefördert. Nicht nur, dass mich das Verbindungsbüro des Landes zur EU bei der Programmerstellung unterstützt und sämtliche Termine für uns vereinbart hat. Wir bekommen auch noch eine finanzielle Förderung! Informationen finden sich auf der Homepage des Landes Salzburg.
  • Es herrscht Schularbeitenhochsaison. Die SiebtklässlerInnen hatten letzte Woche eine Erörterung zu schreiben, die ZweitklässlerInnen durften heute eine Eulenspiegel-Geschichte in einen Bericht umformulieren. Das letzte Wochenende war wieder einmal ein reines Korrigierwochenende.
  • Die SchülerInnen der achten Klassen müssen bis Ende dieser Woche beurteilt werden. Danach ist der normale Unterricht für sie vorbei, sie arbeiten ohnehin nur mehr auf die Matura hin. Vom Französischunterricht bleibt denjenigen, die in Französisch nicht zur Matura antreten, kaum etwas. Ihre Sprachkompetenz hat bereits in den letzten Wochen spür- und messbar abgenommen. Zu viel anderes hat sie permanent beschäftigt (nicht zuletzt die VWA), der normale Unterricht erscheint zunehmend unwichtig. Seit Weihnachten fokussiert sich alles auf die Matura, der Regelunterricht in der achten Klasse kommt mir schon eher wie eine Farce vor.
  • Apropos normaler Unterricht: Was mich ebenfalls stört, sind die dauernden Abwesenheiten der Schüler. Nicht nur, dass viele wirklich häufig krank sind, sie haben auch unglaublich viele Arzttermine. Außerdem fällt mir auf, dass immer mehr Familien um Freistellung ihrer Kinder bitten, damit sie bereits einen Tag früher auf Urlaub fahren bzw. später zurückkommen können. (Ähnliches war kürzlich auch in einem Artikel („Womit Lehrer kämpfen“) im Standard zu lesen.) Neulich hat mir eine Schülerin gesagt, sie habe nicht zum Nachmittagsunterricht erscheinen können, weil sie arbeiten musste, und eine andere hatte eine Fahrstunde, die sich keinesfalls verschieben ließ. Ok, wenn Schularbeit ist, sind sie da (sonst müssen sie nämlich nachschreiben), der normale Unterricht aber erscheint ihnen offenbar entbehrlich. Und wenn ich darauf beharre, dass es in der Schule Anwesenheitspflicht gebe, reagieren sie verständnislos.
  • Mit den ZweitklässlerInnen habe ich das Buch Als mein Vater ein Busch wurde gelesen. Vom Verlag gibt es recht brauchbares Unterrichtsmaterial frei im Netz verfügbar. Wir spielen zudem einige Szenen nach. Noch ist die Dramatisierung nicht aufführungsreif, man kann jedoch bereits erkennen, wie berührend viele Szenen wirken, wenn man sie nachspielen lässt.
  • Und über meine Lehrveranstaltung zum Thema „Flucht und Migration in Literatur, Filmen und Comics“, die ich in diesem Semester an der Uni halte, will ich irgendwann auch einmal berichten.

(nemo)