Das Ende des Liberalismus

„Der Mensch schafft sich ab, um zu überleben. Er wird womöglich die Unsterblichkeit erreichen, aber um den Preis des Lebens.“ Mit dieser düsteren Prognose beendet der koreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han seinen im Jahr 2020 erschienenen Essay Palliativgesellschaft. Schmerz heute. Er geht darin der „Algophobie“ genannten Angst vor Schmerzen unserer gegenwärtigen Konsum- und Leistungsgesellschaft nach und kommt zu dem Schluss, dass diese sich vor unseren Augen zu einer veritablen Palliativgesellschaft wandelt. Die Palliativgesellschaft spricht dem Schmerz jeden Sinn ab und tut alles, um Schmerzen zu eliminieren und zu vermeiden. Schmerz als Ausdruck von Negativität hat in einer Gesellschaft, die vom Imperativ der Positivität beherrscht wird, keinen Platz mehr. Anstatt sich dem Schmerz zu stellen und auch die reinigende Kraft des Schmerzes wahrzunehmen, begibt sich diese Gesellschaft lieber in einen Dauerzustand der Anästhesierung und verliert so jede Möglichkeit zur Erneuerung. Übrig bleibt eine geradezu hysterische Fixiertheit auf das Überleben, der einzigen Form von Leben, die sich diese Gesellschaft gestattet.

Es ist starker Tobak, den Byung-Chul Han da von sich gibt. Und doch – mag die Diagnose auch als zu radikal erscheinen und alles zumindest ein bisschen anders kommen als Han denkt -, da ist schon was dran. Nicht zuletzt der Umgang mit dem Coronavirus bestätigt nämlich Byung-Chul Hans Thesen auf erschreckende Weise. Aber auch die schon seit längerem bestehenden Gesundheits-, Sicherheits- und Vorsorgegebote, die Tendenz zur Reduktion komplexer gesellschaftlicher und sozialer Prozesse auf messbare Zahlen, die scheinbar freiwillige Selbstausbeutung vieler Menschen, die Bereitschaft, sich bis in intimste Details tracken und überwachen zu lassen, kennzeichnen die Palliativgesellschaft. Der Mensch tut alles, um eventuelle Risiken, unverfügbare und nicht eindeutig erfassbare Zusammenhänge, eigene Unzulänglichkeiten, Nicht-Konformitäten und möglicherweise unschöne Seiten auszuschalten, wegzudrücken und zu eliminieren. Schmerz, sei er körperlich, seelisch, kulturell oder auch bloß diffus (ein Schmerz, der beispielsweise aus der Konfrontation mit dem Anderen hervorgehen könnte), wird zum Skandalon. Übrig bleibt die schmerzbefreite „Hölle des Gleichen“ (S. 52), versinnbildlicht im omnipräsenten Gefälligkeitswahn der Like-Kultur.

Der Essay ist vor gut einem Jahr, Anfang Juli 2020 erschienen. Sehr interessant finde ich aus heutiger Sicht insbesondere auch jene Stellen, die sich explizit auf Corona beziehen:

Die Verlängerung des Lebens um jeden Preis avanciert global zum höchsten Wert, der alle anderen Werte hintanstellt. Für das Überleben opfern wir bereitwillig alles, was das Leben lebenswert macht. Angesichts der Pandemie wird auch die radikale Einschränkung von Grundrechten fraglos hingenommen. Widerstandslos fügen wir uns dem Ausnahmezustand, der das Leben auf das nackte Leben reduziert. (S. 24)

Soweit nichts Neues, könnte man sagen. Ähnliches hat man anderswo auch schon gelesen (oder sogar selbst geschrieben). Byung-Chul Han benennt allerdings unmissverständlich, wohin das Ganze führt:

Angesichts der Pandemie steuern wir auf ein biopolitisches Überwachungsregime zu. Der westliche Liberalismus scheitert offensichtlich am Virus. Es wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass es bei der Bekämpfung der Pandemie geboten ist, das einzelne Individuum in den Blick zu nehmen. Diese biopolitische Überwachung des Individuums verträgt sich aber nicht mit den Grundsätzen des Liberalismus. Angesichts des hygienischen Dispositivs aber wird sich die Gesellschaft des Überlebens dazu gezwungen sehen, die liberalen Prinzipien aufzugeben. (S. 77)

Und:

Die Pandemie wird dafür sorgen, dass die Hemmschwelle, die bisher verhindert hat, die digitale Überwachung biopolitisch auf das Individuum auszuweiten, wegfällt. Der Schock ist Naomi Klein zufolge ein günstiger Moment, der erlaubt, ein neues Herrschaftssystem zu etablieren. Der pandemische Schock wird letzten Endes dazu führen, dass sich global ein biopolitisches Überwachungsregime durchsetzt, das einen Zugriff auf den Körper gestattet. Allein die digitale Biopolitik wird den Kapitalismus unverwundbar machen gegen die Pandemie. Sie schließt die systemische Lücke. Das biopolitische Überwachungsregime bedeutet aber das Ende des Liberalismus. Der Liberalismus wird eine Episode gewesen sein. (S. 78f.)

Diese Klarheit, über die Byung-Chul Han bereits im Frühjahr 2020 verfügt, erscheint mir dann doch bemerkenswert. Soweit so unheilvoll.

Möge die Mehrheit der Menschen weiter vertrauensvoll an das freundliche „Bleiben Sie gesund!“ all der Machthaber auf diesem Planeten glauben.

Byung-Chul Han: Palliativgesellschaft. Schmerz heute, Berlin: Matthes & Seitz 2020

(nemo)

Aus der Versenkung: unmaskiert Demaskierendes

Also, so wirklich viel ist nicht geschrieben worden in diesem Blog in der letzten Zeit. Eigentlich gab es überhaupt noch nie, seit wir diesen Blog betreiben, eine so lange Pause. Hm. Renommee ist das keins. Aber woran lag’s? Zu viel Arbeit, Faulheit und/oder andere Freizeitaktivitäten lassen wir jetzt einmal als mögliche Gründe beiseite. Keiner dieser drei Gründe hat mich in früheren Jahren vom Blogschreiben abgehalten. Was also kommt dann in Frage? Ich will ehrlich sein: Zum einen habe ich generell das Gefühl, in dieser neuen „Normalität“ nicht mehr viel zu sagen zu haben. Das für mich Wesentliche habe ich gesagt; dem gibt es nicht viel hinzuzufügen. Speziell über die Schule hätte es natürlich einerseits eine Menge zu sagen gegeben, andererseits aber auch nicht – das Wesentliche aus meiner Sicht ist ja auch über die Schule bzw. die neue Art von Schulbetrieb bereits gesagt.

Zum anderen hat mein Schweigen aber auch etwas mit meiner grundsätzlichen persönlichen Haltung zu tun. Da ich das herrschende Narrativ, die Mainstream-Meinung, die dominierende Ansicht über Corona (egal, wie man es nennen will) nicht mittrage, befinde ich mich in einer krassen Außenseiterposition. Und die liegt mir nicht so sehr. Anders gesagt, die macht mir zu schaffen, harmoniebedürftig wie ich nun einmal bin. Weder die Co-Betreiberin des Blogs noch die allermeisten KollegInnen – insbesondere auch jene, die mir lieb und teuer sind und mit denen ich in vielen kritischen Betrachtungen über Schule, Gesellschaft oder aktuelle Tendenzen bisher übereinstimmte – beurteilen die gesellschaftspolitischen Entwicklungen im Zuge der Pandemie so wie ich. „Gibt dir das nicht zu denken, dass du mit deiner Meinung allein bist?“, wurde ich von einem mir nicht mehr wohlwollenden Kollegen zu Schulende gefragt. Abgesehen davon, dass mir fast alles zu denken gibt, die Mehrheit – wie auch die Geschichte lehrt – nicht immer recht hat und es schon noch ein paar (auch vernünftige) Menschen gibt, die meine Einschätzung teilen: Dieses Gefühl, nicht mehr auf Verständnis oder Zustimmung hoffen zu dürfen, dieser Eindruck, am Rande zu stehen, so im kindlichen Sinn nicht mehr mitspielen zu dürfen, befürchten zu müssen, von den anderen nicht mehr gemocht zu werden, ist nicht schön und lässt mich verstummen.

Genug aber nun der tiefenpsychologischen Einblicke und der persönlichen Bekenntnisse. Jetzt wird wieder geschrieben. Erstens muss niemand lesen, was ich hier schreibe. Zweitens hat mir die Co-Betreiberin des Blogs versichert, dass sie mich eh noch mag, egal, was ich schreibe, und drittens will ich endlich wieder was schreiben. Zu sagen habe ich immer noch nichts wirklich Neues, aber ein paar Gedanken zum Teilen gibt’s ja immer. Außerdem sind in den letzten Wochen doch ein paar Texte zusammengekommen, die ich hier im Blog aufbewahren will.

Zum einen ein Freewriting, das ich kurz vor Schulende in einer Supplierstunde angefertigt habe. Ich war zur Aufsicht in einer fünften Klasse, von der ich viele SchülerInnen aus der Unterstufe kenne, eingeteilt. Die waren mit meiner Freewriting-Passion schon vertraut und ich wollte mit ihnen ins Gespräch kommen. Ins-Gespräch-Kommen, das gelingt mir am besten, indem ich die SchülerInnen zuerst einmal bitte, ein bisschen etwas zu schreiben. Nach dem Schreiben, kommt mir vor, geht es dann viel leichter. Jeder darf etwas von dem Geschriebenen vorlesen und anschließend kann man gemeinsam über die virulenten Themen reden – vorausgesetzt natürlich, es gibt eine vertrauensvolle Atmosphäre in der Klasse und niemand wird zum Vorlesen gezwungen. Aber, wie gesagt, die Klasse war mit den Freewriting-Regeln ja bereits bestens vertraut.

Auch diesmal funktionierte es wieder ganz wunderbar. Meine Vorgabe bzw. mein Schreibimpuls lautete: „Ein doch recht ungewöhnliches Schuljahr geht zu Ende.“ Wir schrieben ein paar Minuten, danach durfte jeder, der wollte, eine Passage vorlesen. Im Anschluss daran diskutierten wir über das, was da mitgeteilt wurde, was da eben zur Sprache gekommen war. Am Ende der Stunde kam mir vor, solche Gespräche sind fast das Wertvollste, was Schule zu bieten hat. Man kann es natürlich nicht erzwingen und auch nicht dauernd machen. Aber wenn es wieder einmal gelingt, ist es schon etwas ganz Besonderes. Und wie immer lese ich den SchülerInnen, wenn sie mich danach fragen, vor, was ich geschrieben habe. Und da wären wir auch schon beim ersten Text, den ich in den Blog stellen will:

Von ganz anderer Natur ist der zweite Text: Wie gesagt, ich äußere mich ja kaum mehr öffentlich zur aktuellen Lage. Aber ein Mal habe ich in diesem Frühsommer dann doch wieder einen an die Medien dieses Landes gerichteten Text verfasst. Ich habe ihn an den Chefredakteur der Salzburger Nachrichten geschickt und will ihn hier, in leicht modifizierter Version, als offenen Brief veröffentlichen. In dem Brief erhebe ich doch recht heftige Vorwürfe und werfe den Salzburger Nachrichten wie auch den anderen Leitmedien in Österreich vor, mitschuldig am gegenwärtigen Alarmmodus zu sein. Fairerweise möchte ich aber hinzufügen, dass gerade die Salzburger Nachrichten meiner Wahrnehmung zufolge in letzter Zeit tatsächlich mäßigend(er) auftreten und etwas stärker für einen pluralistischen Diskurs in Sachen Corona eintreten.

Der dritte Text schließlich betrifft etwas Privates: Drei Firmungen und eine Erstkommunion in meinem familiären Umfeld innerhalb weniger Wochen waren für mich Anlass genug, um auch darüber zu reflektieren. Ich habe eine längere Version für den privaten Gebrauch geschrieben; die kürzere stelle ich in den Blog.

Drei disparate Texte also für heute. Die Beiträge eint, dass sie – no na net – alle von mir verfasst wurden und dass – wie ich erst jetzt beim Redigieren bemerkt habe – in allen dreien die Maskenpflicht thematisiert wird. Egal also, was ich schreibe oder tue, Corona ist und bleibt omnipräsent. Und damit Schluss – auch wenn es kein schöner ist.

(nemo)

Das Fortschrittsnarrativ oder: Die virologische Deutung der Welt

Kinder und Jugendliche mit eng anliegenden Kunststoffmasken im Gesicht, die von ihren Lehrern dazu angehalten werden, diese über Stunden zu tragen – und das, obwohl sie durch einen Test nachgewiesen haben, nicht infiziert zu sein. Hochbetagte Menschen in Alters- und Pflegeheimen am Ende ihres Lebens, die von ihren Angehörigen nicht mehr besucht werden dürfen – und wenn doch, bloß von einer einzigen Person einmal die Woche eine Stunde lang. Menschen, die auf der Straße vor anderen Menschen fast panisch zurückweichen; Menschen in Wohnhäusern, die ihre Nachbarn denunzieren; Menschen, die spielende Kinder im Park wegen zu geringer Abstände anpöbeln; Menschen, die vereinsamen, weil sie es nicht mehr wagen, unter Menschen zu gehen. Es ist Februar 2021, ein Jahr, nachdem die Menschen beschlossen haben, ihr ganzes Sein der Bekämpfung eines Virus unterzuordnen. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Dass es gekommen ist, wie es gekommen ist, war von Anfang an absehbar – und doch ist es ein humanitäres Desaster. 

Manchen – wie auch mir – fehlen immer noch die Worte angesichts der erschütternden neuen Normalität. Viele – die allermeisten? – sind jedoch von der Richtigkeit, ja Notwendigkeit der repressiven Maßnahmen nach wie vor überzeugt. Ja, die große Mehrheit nimmt jedes Leid, jede Einschränkung, jede negative Auswirkung der Pandemiebekämpfung billigend in Kauf und betrachtet sie als zwar unschönen, jedoch unvermeidlichen Kollateralschaden einer im Grunde richtigen Politik. So bitter diese Erkenntnis ist – sie lässt sich nicht in Abrede stellen. 

Wie aber konnte es soweit kommen? Wie wurde es möglich, dass Menschen, die eigentlich sich und andere schützen wollen, menschliche Grausamkeit und sozialen Kahlschlag befürworten? Was musste vonstattengehen, damit Menschen im Namen der Solidarität ihresgleichen meiden und verunglimpfen? Wie konnte die Gesellschaft eine solch paradoxe Entwicklung nehmen?

Zweifellos spielt die medial geschürte Angst eine Rolle. Die berühmten Bilder aus Bergamo, die vollen Intensivstationen, die täglich kolportierten Zahlen, die Langzeitschäden und, und, und. Und wie alles erst gekommen wäre, hätten die Regierungen nicht so hart und entschlossen durchgegriffen! Ja schon, aber lässt sich das Bedrohungsszenario tatsächlich immer noch aufrechterhalten? Sind so viele Menschen wirklich immer noch derart verängstigt, dass sie alles akzeptieren? 

Ein anderer Erklärungsansatz wäre der grundsätzliche Gehorsam der Menschen, das fehlende kritische Denken, das bereits unsere bisherige Spaß- und Unterhaltungsgesellschaft geprägt hat. Mangelndes eigenständiges Denken im Zusammenspiel mit der einseitigen Berichterstattung in den meisten Medien ergibt zweifellos eine problematische Mischung. Aber all die Gebildeten, die Intellektuellen, die kulturellen Eliten, die mitunter sogar bereit wären, noch härter vorzugehen, und totalitäre Tendenzen in der Viruseindämmung nicht nur nicht wahrnehmen, sondern vehement bestreiten? Ist es plausibel, gerade jenen kritisches Denken abzusprechen? 

Reale oder übersteigerte Angst, mangelndes kritisches Denken – vielleicht taugen ja beide Erklärungsansätze nur bedingt, um das kollektive Mittragen der sich ständig überbietenden Pandemiebekämpfung zu begreifen. Ich vermute, dass weder ein negatives Gefühl (Angst) noch die Abwesenheit einer Fähigkeit (mangelndes kritisches Denken) ausreichen, um die umfassende und grundsätzliche Zustimmung so vieler Menschen erklären zu können. Eher muss es etwas sein, das die Menschen positiv anspricht, etwas, das ihnen das Gefühl gibt, auf der richtigen Seite zu stehen, zu den Guten zu zählen, etwas, mit dem sie sich identifizieren und valorisieren.    

Möglicherweise ist es ja das Narrativ des Fortschritts, das den gegenwärtigen Umgang mit dem Virus kennzeichnet, das der großen Mehrheit der Menschen – bewusst oder unbewusst – das Gefühl vermittelt, selbst Teil dieser Fortschrittlichkeit zu sein. Wenn man nämlich die Entwicklungen des letzten Jahres unter dem Vorzeichen des Progressiven, des Zukunftsweisenden, des Modernen betrachtet, wird eventuell erklärbar, warum es nach einem Jahr Corona-Maßlosigkeit immer noch kein Einhalten, kaum einen Aufschrei und fast keinen Protest gibt.

Was meine ich mit „Narrativ des Fortschritts“? Kern dieses Narrativs – das ebenso wie das Coronavirus selbst nicht grundsätzlich neu ist, sondern bloß eine neue Ausprägung eines bereits bekannten Typs darstellt – ist die virologische Deutung der Welt. Die Berufsgruppe der Virologen bildet in dieser Weltbetrachtung gleichsam die Avantgarde. Sie formieren sich, wenn man so will, zur Speerspitze der Medizin, sie sind diejenigen, die ihr Expertentum ins Extreme getrieben haben: Forscher und Forscherinnen, die in ihren Laboren kleinste Teilchen durchs Mikroskop betrachten und von dieser Extremposition aus nun Aussagen über das gesamte Leben tätigen. „Normale“ Menschen können Viren nicht einmal erkennen, Virologen hingegen vermögen mittels Viren die Welt zu erklären. Die Virologie wird somit in eine gottähnliche Position gehievt. Anders als das alte Modell eines alles überblickenden universalen Gottes bezieht das neue Modell seine exklusive Expertise jedoch aus der größtmöglichen Reduktion von Welt auf Partikel. Noch mehr Spezialisierung geht schlichtweg nicht. Der Virologe wird somit zum Experten par excellence und dem Experten wird der Rang des Allwissenden zuteil.

Die virologische Weltbetrachtung stellt nun allerdings keinen Bruch mit der Geschichte dar, sondern die Fortsetzung und Beschleunigung des Rationalismus, wie er mindestens seit der Aufklärung herrscht. Die virologische Sichtweise ist eingebettet in das naturwissenschaftliche Weltbild, das uns seit langem begleitet, das jedoch in den letzten Jahren deutlich expandierte und sich neuerdings auch als das einzig zulässige Menschenbild darstellt. Waren früher die Naturwissenschaften für die Erforschung und Erklärung der Natur zuständig, wurde das naturwissenschaftliche Paradigma nun auch zum Erklärungsmodell aller menschlichen und gesellschaftlichen Prozesse und Vorgänge. Am Beispiel der Schule verdeutlicht, heißt das: eine immer stärker sichtbar werdende Hierarchisierung unter den Fächern – hier die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik), dort die anderen –, die immer stärker werdende Dominanz von Zahlen und Statistiken in allen Bereichen der schulischen Realität, die zunehmende Vernachlässigung bzw. Geringschätzung menschlicher oder sozialer Komponenten und Rituale sowie nicht zuletzt: die Orientierung schulischen Lernens an objektiv messbaren Kompetenzen statt an subjektiv ganzheitlicher Bildung.  

In logischer Konsequenz hat sich auch die Wahrnehmung der Wissenschaftsdisziplinen und ihr gesellschaftlicher Einfluss in den letzten Jahren rasant eingeengt. Wissenschaft ist heute im gängigen Sprachgebrauch gleichbedeutend mit Naturwissenschaft, und selbst in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften bedienen sich Forschende immer häufiger naturwissenschaftlicher Methoden. Nicht zuletzt an den sogenannten Bildungswissenschaften kann diese Entwicklung beobachtet werden.

Das Narrativ des Fortschritts mit der Virologie als ultimativer Ausprägung naturwissenschaftlichen Denkens, Fühlens und Seins korreliert selbstverständlich bestens mit der anvisierten Digitalisierung sämtlicher Lebens- und Arbeitsbereiche. Zu Beginn der gegenwärtigen Krise habe ich nicht glauben können, dass die Menschen die Verlagerung ihres Lebens in den digitalen Raum so willfährig hinnehmen. Interpretiert man die geradezu explodierende Zunahme digitalen Handelns jedoch im Kontext des herrschenden Fortschrittsparadigmas, erscheint das Ganze plötzlich folgerichtig. Hinzu kommt auch in diesem Punkt, dass die aktuell betriebene Digitalisierungsagenda keinen Bruch, sondern eine Fortsetzung (und Beschleunigung) des Bisherigen bedeutet. Mindestens seit dem Aufkommen der Smartphones haben wir diese Geräte ohnehin rund um die Uhr bei uns, ja, sie sind vielen Menschen zu geradezu unabkömmlichen Begleitern geworden. Freiwillig hatten die allermeisten ihren Taschencomputern (und den dahinter stehenden IT-Konzernen) die Lizenz zur totalen Überwachung erteilt, via App wurde bereits vor Corona Leben gesteuert und gemanagt. So gesehen war der Schritt zum Homeschooling, zur elektronischen Überwachung von Mindestabständen oder zum digitalen Impfpass nur mehr ein kleiner. 

Unser Leben und Zusammenleben, unser Umgang mit der eigenen Sterblichkeit hat sich im letzten Jahr trotz der aufgezeigten Kontinuitäten grundlegend verändert. Wir haben uns gewissermaßen mit Haut und Haar dem virologischen Welt- und Menschenbild verschrieben. Fortan muss jeder menschliche Schritt durch Masken, Tests, Überwachungs- und Verfolgungsstrategien virologisch abgesichert werden. Erlösung kann nur mehr eine Impfung bringen – bevor jedes neue Virus (oder auch nur seine Mutation) die Maschinerie erneut in Gang setzen kann. Der Tod von Menschen aber, um den es in der ganzen Geschichte angeblich auch geht, bleibt aus diesem Menschenbild vollkommen ausgeklammert. Virologen können schlichtweg nichts über den Tod von Menschen (und erst recht nicht über den menschlichen Umgang mit dem Sterben) sagen, sie haben dem Tod keinerlei Sinnangebot entgegenzusetzen. Trotzdem werden sie – flankiert von Mathematikern und Simulationsexperten – zu den Heilsbringern unserer Welt.

Vielleicht ist diese virologische Wende nur der letzte Schritt auf einem langen Weg, der nunmehr genommen wurde. Das „neuartige“ Fortschrittsnarrativ wäre demnach bloß die Fortsetzung des bereits Etablierten. Möglicherweise ist mit der radikalen Zuspitzung und gleichzeitigen hegemonialen Ausdehnung des Narrativs auf alle Bereiche des Lebens aber tatsächlich ein Wendepunkt gekommen. Wie gezeigt, trägt das Fortschrittsnarrativ nämlich deutlich wahrnehmbare Züge einer zunehmend totalitär werdenden Fortschrittsideologie. Das lässt sich auch daran erkennen, dass selbst zur Besonnenheit mahnende Virologen bzw. Epidemiologen, die den Blickwinkel nur ein wenig weiten möchten, abgekanzelt werden oder ungehört bleiben. Menschen aus allen Bereichen, die an der virologischen Sichtweise Kritik üben, werden pauschal ausgegrenzt und dem reaktionären, ewig gestrigen Lager zugeordnet. Auch wenn man politisch noch nie rechts anstreifte, wird man als „Corona-Kritiker“ automatisch zum „Corona-Leugner“ gemacht. Kaum jemand, der etwas auf sich hält, setzt sich freiwillig dieser sozialen Ächtung aus. Möglicherweise ist das ja mit ein Grund, warum gerade von jungen und sich modern wähnenden Menschen so wenig Widerspruch kommt.

Wie es also gekommen ist, dass es gekommen, wie es gekommen ist? Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus verschiedenen Faktoren. Die Virusbekämpfung im Rahmen des herrschenden Fortschrittsparadigmas – welches zum zentralen Narrativ der Gegenwart erhoben und zur Ideologie gesteigert wurde – zu interpretieren, trägt vielleicht zum besseren Verständnis bei. Bleibt aus meiner Sicht nur mehr die Klärung einer weiteren, viel schwierigeren Frage: Wie bitte kommen wir da wieder heraus?

(nemo)

PS: Diesen ausführlichen Artikel von Michael Esfeld (Professor für Wissenschaftsphilosophie an der Universität Lausanne) zum Thema Wissenschaft und Aufklärung in der Corona-Krise wollte ich noch verlinken. Er bietet eine wirklich tiefgründige Auseinandersetzung mit diesem Thema.

Dies ist ein Schultag, wie ich keinen sah!

Die Luft ist still, als atmete man kaum … Ja, heute ist ein ganz besonderer Tag. Dienstag, 12. Januar 2021. Ein ganz normaler Wintertag, möchte man meinen. Weit gefehlt. Denn heute ist der Tag, an dem mein Kind – man vermag es kaum zu glauben – erstmals wieder in der Schule ist. Was für ein Ereignis! Das jugendliche Kind durfte heute nämlich nicht nur für eine Stunde in die Schule, um dort eine Schularbeit zu schreiben. (Das gab es auch in den letzten Monaten: gezählte zwei Mal.) Nein, heute – haltet euch fest – darf es den ganzen Vormittag in der Schule verbringen. Ist das nicht großartig?

Erstmals wieder mehrere Stunden am Stück mit den anderen aus der Klasse und physisch anwesenden Lehrern zusammensein. Selbstverständlich (!?) mit Maske, aber immerhin. Nach all den Wochen, in denen das eigene Zimmer zum virtuellen Schulraum umfunktioniert werden musste, in denen es bloß virtuelle Begegnungen gab, in denen fast ausschließlich mittels Computer gelernt, gearbeitet, geredet und gespielt wurde, heute also das Großereignis: Schule im realen Raum.

Ja, so ver-rückt ist die Welt geworden, dass ein ganz normaler Dienstag im Januar, an dem das jugendliche Kind (fast) wie früher in die Schule gehen darf, zur unerhörten Begebenheit wird. Bereits morgen wird der Spaß wieder vorbei und die alte neue Ordnung wiederhergestellt sein. Heute aber praktisch Faschingsdienstag 2.0. Helau!

(nemo)

PS: Passend zur schönen neuen Lernwelt ein wirklich hervorragendes Interview mit dem Wirtschaftsjournalisten und Dozenten Ingo Leipner, der mit dem Unsinn der digitalen Bildung aufräumt und es in aller Deutlichkeit ausspricht: Schule funktioniert nicht von zu Hause

Digital befeuert, pädagogisch verwahrlost

Wie geht es eigentlich unseren Schülern? Wenn wir ehrlich sind, können wir auf diese Frage keine zuverlässige Antwort mehr geben. Es ist schon unter normalen Bedingungen nicht ganz leicht, als Lehrerin die Befindlichkeit von Kindern und Jugendlichen richtig einzuschätzen. Zu vieles wissen wir einfach nicht, zumal wenn wir sie nur in einem Fach unterrichten und nicht täglich sehen.

Unter den derzeitigen Bedingungen des „ortsungebundenen Distanzunterrichts“ stellt sich die Situation jedoch noch viel drastischer dar: Wir haben unsere Schüler und Schülerinnen seit Wochen, ja Monaten nicht mehr gesehen. Die Oberstufenschüler werden in Salzburg nämlich seit Mitte Oktober (!) vom Schulbesuch ferngehalten, nur die „Kleinen“ – die jetzt drei Wochen daheim waren – dürfen seit dieser Woche wieder in die Schule. Wir LehrerInnen haben in Wirklichkeit keine Ahnung (mehr), was sich im Leben vieler unserer Schüler abspielt, wie sich ihr Alltag gestaltet und wie es ihnen geht.

Was ich an der Situation meiner 14-jährigen Tochter beobachten kann: Bereits am frühen Morgen vernehme ich aus ihrem Zimmer die digital verzerrten Stimmen ihrer LehrerInnen und MitschülerInnen. Trennung von privatem Raum und Schule war einmal. Jetzt ist ein Teil unserer Wohnung zur Dépendance ihrer Schule geworden. Der Computer ist allgegenwärtig und von morgens bis nachmittags, mitunter auch bis abends im Betrieb. Eine Videokonferenz nach der anderen, dazwischen Arbeitsaufträge und Lernen. Nebenbei wird ständig per Handy mit den Schulfreundinnen oder der ganzen Klasse gechattet. Ich habe das Gefühl, mein Kind starrt mehr oder weniger den ganzen Tag lang auf einen Bildschirm. Wenn ich etwas mit ihr besprechen möchte und ihr Zimmer betrete, störe ich eigentlich fast immer. Meine Hauptaufgabe als Mutter sehe ich darin, sie aufzufordern an die frische Luft zu gehen, sich für ein paar Minuten in die Sonne zu setzen, die elektronischen Geräte auszuschalten, Sport zu treiben, mit mir zu essen und so weiter und so fort. Dass ich sie damit auch in normalen Zeiten gehörig nerven würde – geschenkt!

Die Jugendlichen sind durch die neuen Lern- und Arbeitsbedingungen permanent mindestens von drei verschiedenen Realitäten umgeben – und müssen damit alleine zurechtkommen: Da ist zum einen die Situation in den Familien. Wir LehrerInnen wissen schlichtweg nichts davon, unter welchen Bedingungen, in welchen Räumen und Konstellationen unsere Schüler nunmehr ihre „Schulzeit“ verbringen. Funktioniert das Internet überhaupt für alle, die in einer Familie gleichzeitig von zu Hause aus lernen oder arbeiten? Hat die Schülerin oder der Schüler genug Platz zum Lernen? Gibt es Streit, finanzielle, gesundheitliche oder gar existentielle Sorgen in den Familien? Hören Geschwister bei den Video-Meetings zu? Stören besorgte Mütter? 😉 Wir wissen es nicht.

Zu dieser Realität gesellt sich die Realität der gerade laufenden Schulstunde. Via „Teams“ oder einem anderen Programm versuchen wir LehrerInnen, so gut es geht, Unterricht zu halten. Die allermeisten Jugendlichen haben die Kamera ausgeschaltet, das Mikrofon soundso. Als Lehrerin blickt man zumeist auf einen leblosen Bildschirm mit Fotos oder Initialen. Ruft man jemanden auf, schaltet derjenige das Mikrofon ein, gibt eine Antwort und drückt sofort wieder auf Stumm. Mir kommt es manchmal vor, als würde ich in einen Raum hineinsprechen, in dem gerade Winterschlaf gehalten wird. Kurz gelingt es mir, eine/n der Schlafenden aufzuwecken und zum Sprechen zu bringen – schwupps ist er oder sie schon wieder versunken. Wie kommt das, was man sagt, wirklich bei den Schülern an? Wie verdauen sie das, was wir ihnen sagen (müssen)? Hören die SchülerInnen zu oder tun sie gerade etwas anderes? Wie fühlen sich die jungen Leute? Wir wissen es nicht.

Und am allerwenigsten wissen wir von der dritten parallel ablaufenden Realitätsebene, auf der sich die Jugendlichen bewegen: ihrem Handy-Leben. Unter normalen Schulbedingungen schränken wir den Gebrauch der Handys ein, zumindest während des Unterrichts muss das Gerät ausgeschaltet bleiben und darf nicht hereinfunken. Jetzt können wir den Handy-Gebrauch nicht regeln und auch nicht kontrollieren. Was unsere SchülerInnen auf ihren Smartphones sehen, hören oder schreiben, womit sie konfrontiert sind, während wir mit ihnen Schule simulieren? Wir wissen es schlichtweg nicht.

Wir LehrerInnen haben (fast) keine Ahnung mehr, wie es unseren SchülerInnen wirklich geht. Wir können registrieren, was sie leisten, welche Aufgaben sie abgeben, ob sie grundsätzlich anwesend sind und mitarbeiten. Wenn wir sie fragen, wie es ihnen geht, kommt oft nicht viel mehr als ein schlichtes „Geht schon“ zurück. Manche erzählen, dass sie wahnsinnig viel für die Schule zu tun haben, andere betonen, dass das Distance Learning hauptsächlich langweilig sei. Von einigen erfährt man gar nichts.

Wenn in den Medien von den Schulen die Rede ist, liest man meist nur von den Volksschulen oder den Zehn- bis Vierzehnjährigen. Was mit den OberstufenschülerInnen ist, spielt keine Rolle. Außer natürlich wenn es um die Matura geht. Ja, die künftigen Maturanten, die dürfen seit dieser Woche auch wieder in die Schule. Die müssen ja Schularbeiten schreiben und auf die Matura vorbereitet werden. Überhaupt geht es immer nur um Leistung bzw. Leistungsabfall und wieviel der diagnostizierte oder auch nur prognostizierte Bildungsverlust kostet. Wie sich die jungen Menschen, die seit Wochen allein daheim vor dem Bildschirm sitzen, fühlen, wie sie mit dem Stress zurande kommen, was die Abtrennung von den MitschülerInnen und LehrerInnen mit ihnen macht, welche Sorgen und Nöte sie plagen, wie sie mit dem digitalen Overkill umgehen, all das scheint niemanden zu interessieren. Die Politik propagiert indes in zahlreichen Inseraten die schöne neue digitale Schule der Zukunft …

Viele Lehrer machen einfach nur Druck, versuchen ihren Stoff durchzubringen und erwarten, dass die Jugendlichen maschinengleich funktionieren. Andere bemühen sich, so gut wie es auf die Distanz und via Computer eben möglich ist, die emotionale Befindlichkeit ihrer Schüler und Schülerinnen zumindest wahrzunehmen. Wirklich kümmern können wir uns alle nicht um unsere Schüler. Insgesamt ist die Situation nichts anderes als ein pädagogisches – und damit menschliches – Desaster.

(nemo)

Mit Maske und Maschinen. Unser Leben als Maschinenmenschen

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Nicht bloß irgendwie. Die Welt ist komplett aus den Fugen geraten. Wir taumeln besinnungslos durch unser Leben, hin- und hergeworfen von Ereignissen, realen oder auch nur berechneten. Kommunikation nur mehr mithilfe von Geräten, großen, sich wichtig machenden Maschinen. Die Videokonferenz als Symbol und Ausdruck der neuen Normalität: kleine Bilder von weit entfernten Menschen, alle stumm geschaltet und trotzdem da. Abgestellt wie unmündige Wesen, verkabelt und vernetzt, auf ein Bild reduziert oder gänzlich identitätslos. Jeder in seiner Küche und seiner Kammer. Kein gemeinsamer Raum mehr, kein Zusammenkommen, schon gar keine Agora. Die totale Vereinzelung, aufgehoben nur durch den Einsatz riesiger Maschinen.

Maschinen, die sich zwischen Menschen drängen, keine Berührung mehr zulassen. Maschinen, die bloß vorgaukeln, es gäbe noch einen gemeinsamen Raum, eine gemeinsame Sache. Maschinen, die uns nur scheinbar zusammenführen. Ein bloßes Simulacrum, eine Attrappe. Wir geben uns den Maschinen hin, liefern uns ihnen aus, als ob allein sie uns retten könnten. Heil durch Technik. Heil durch Maschinen, die uns allen einen Rest von Leben ermöglichen – und den IT-Konzernen noch etwas mehr…

Wir müssen unsere Kontakte reduzieren. Kein Zusammenkommen, keine lebendige Begegnung ohne Gefahr. Der Mensch als Störfaktor, als Gefahr, der Mitmensch als Bedrohung. Distanz ist die neue Nähe. Distanz als Ausdruck von Solidarität, als Form des Respekts, als Beweis menschlichen Handelns. So sehr verleugnen wir uns selbst, dass wir solche Slogans bereits verinnerlicht haben. Distanz als Norm. Ausnahmen nur im Angesicht der Maske. Unabdingbares Sozialleben nur mehr mit Mund-Nasen-Schutz. Schau auf dich, schau auf mich. So schützen wir uns. So schützen wir uns vor uns selbst. Mit Maske und Maschinen. Und mit der Intensivstation als Fluchtpunkt unserer neuen Normalität.

Die Maschinen der Intensivstationen als ultimative Hoffnung, als Rettung vor dem Tod. Rettung um den Preis, dass wir uns als Menschen, als Mitglieder einer lebendigen Gesellschaft, als soziale Wesen und als mündige Bürger abschaffen. Das Krankenhaus nicht mehr für uns, stattdessen wir für das Krankenhaus. Nur der Einsatz von Maschinen kann uns vor dem Tod retten. Wir müssen so leben, dass dieser Einsatz möglich ist, dass wir alle in den Genuss dieses Einsatzes kommen können. Wir müssen so leben, dass uns die Intensivmedizin retten kann. Wir müssen die Intensivstationen retten.

Dafür verzichten wir auf unser menschliches Dasein. Wir maskieren uns, wir reduzieren uns auf Schemen, auf bloße Erscheinungen, auf digitale Abbilder unserer selbst. Nur dann haben wir eine Chance, die Intensivstationen zu retten. Nur dann kann garantiert werden, dass uns die Intensivmedizin rettet, dass niemand stirbt. Dass niemand an Corona stirbt. Dass wir allenfalls an Corona zugrunde gehen.

(nemo)

Lasst die Schulen offen!

Sehr geehrte Salzburger Landesregierung,

als Lehrerin und Mutter protestiere ich entschieden gegen die coronabedingte Schließung der Oberstufen. Die Situation in den Salzburger Krankenhäusern bzw. die Zahl der schwer an Corona Erkrankten im Bundesland Salzburg rechtfertigt in keinster Weise diesen Schritt. Auch Jugendliche brauchen ein soziales Umfeld zum Lernen und dürfen nicht schon wieder dazu gezwungen werden, den ganzen Tag allein zu Hause vor dem Bildschirm zu sitzen.

Sie begehen mit dieser erneuten Schulschließung meines Erachtens ein Verbrechen an unserer Jugend. Ich fordere Sie deshalb auf: Nehmen Sie diese Maßnahme umgehend zurück und lassen Sie die Jugendlichen in die Schulen gehen!

„… damit dieser eigentlich nötige öffentliche Diskurs wieder in die Gänge kommt …“

Morgen beginnt die Schule in Ostösterreich, am Dienstag ist es in Bayern soweit (das weiß ich so genau, weil meine Nichte in München wohnt), nächsten Montag sind wir in Westösterreich dran. Den Tageszeitungen entnehme ich aufgeregte Berichte über ungeklärte Corona-Ampelschaltungen, verunsicherte LehrerInnen, Eltern, die sich vor chaotischen Zuständen fürchten, Schulleiter, die sich Sorgen um die Einhaltung der Vorschriften machen usw. usf.

Ich halte es mit dem österreichischen Bildungsminister und wünsche mir einen ganz normalen Schulbeginn. Wünschen wird man sich das ja wohl noch dürfen.

Und weil ich gerade beim Wünschen bin: Mit Renata Schmidtkunz, deren Gespräch mit dem Facharzt Dr. Martin Haditsch ich dieser Tage im Radio gehört habe, wünsche ich mir, dass auch in Sachen Corona der „eigentlich nötige öffentliche Diskurs wieder in die Gänge kommt“. Ah ja, und dass ein paar Leute den höchst lesenswerten Blog-Beitrag Die Schuld der Schafe von Marcus J. Ludwig lesen, das wünsch ich mir auch.

(nemo)

Literaturvermittlung in der AHS – quo vadis?

Bereits im Dezember 2018 fand in Wien eine „Enquete zum Stellenwert der Literatur im Unterricht und in der Ausbildung in Österreich“ statt. Mittlerweile ist der Tagungsband im Praesens Verlag erschienen. Schade finde ich, dass davon in der (schulischen) Öffentlichkeit keinerlei Notiz genommen wurde (zumindest habe ich nichts mitbekommen); die Enquete selbst ist mir nämlich noch in bester Erinnerung.

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Unmittelbar nach der Tagung habe ich einen kleinen Stimmungsbericht verfasst. Nun möchte ich meinen Beitrag auch in den Blog stellen. Er befasst sich mit den Schwierigkeiten des Literaturunterrichts im Gymnasium und ist unter dem Titel „Funktionalisierung und Formalisierung. Literaturvermittlung in der AHS – quo vadis?“ im Tagungsband auf S. 27ff. erschienen.

(nemo)

zum Beitrag: Literaturvermittlung in der AHS

Zehn Jahre Schule. Ein Potpourri an Eindrücken und Erinnerungen

  • Als ich vor zehn Jahren die Schule zum ersten Mal betrat, war ich entsetzt: So ein Schulgebäude sah ja immer noch so aus, wie ich es aus meiner eigenen Schulzeit in Erinnerung hatte! Wenig später hatte ich mich wieder daran gewöhnt.
  • Während der Gangaufsicht in den Pausen betrachte ich gerne die ausgestellten Kunstobjekte. Immer wieder finden sich großartige und unglaublich kreative Bilder, Collagen, Fotografien und Werkstücke darunter.
  • Wenn im Musiksaal die Fenster geöffnet sind, schallt es aus der Schule heraus: Ein Musiklehrer haut in die Tasten des Klaviers, zwanzig oder mehr Kinder singen aus voller Kehle. In solchen Momenten geht mir das Herz auf. Wenn ich es nicht ohnehin wüsste, würde ich mir denken: Was ist das für eine schöne Schule!
  • Bei meiner ersten Maturafeier als KV haben wir auch gesungen. Ich stand nervös mitten unter den MaturantInnen und hab mir gedacht: Was für eine Ehre, dass die mich mitsingen lassen!
  • Als ich einmal mit einer Klasse in Paris war, habe ich den SchülerInnen die Nationalbibliothek gezeigt und ihnen erzählt, dass ich da während eines Forschungssemesters täglich an meiner Dissertation gearbeitet hatte. Ein Schüler hat mich ungläubig angesehen und gefragt: „Echt jetzt: Sie haben da gearbeitet?“
  • Manchmal begegne ich SchülerInnen in meiner Freizeit, in den Ferien oder am Wochenende in der Stadt. Ich freue mich jedes Mal, wenn sie winken, grüßen oder sogar rufen. Leute, die nichts mit Schule zu tun haben, sind immer wieder erstaunt darüber, dass sich Schüler mitunter sichtlich freuen, ihre Lehrer zu treffen.
  • Immer noch schreibe ich wahnsinnig gerne mit jener Füllfeder, die mir meine erste eigene Klasse zur Matura geschenkt hat. „Klassenmama Moni“ findet sich da eingraviert.
  • Die SchülerInnen meiner zweiten eigenen Klasse haben mir einmal gestanden, sie hätten anfangs Angst gehabt, nicht zu genügen und von mir mit der früheren Klasse verglichen zu werden.
  • Unaufmerksame SchülerInnen nerven mich manchmal so, dass ich laut werde. Wenn ich einen Schüler oder eine Schülerin anschreie, bin ich wirklich peinlich berührt und nehme mir jedes Mal vor, mich am nächsten Tag dafür zu entschuldigen. Nicht immer kommt es dazu.
  • Oft passiert an einem einzigen Schultag so viel, dass man, wollte man alles, was notierenswert wäre, tatsächlich notieren, nie und nimmer damit fertig würde.
  • Manchmal bin ich nach einer Schulstunde noch so in Gedanken, dass ich mich auf dem Weg ins Konferenzzimmer plötzlich im falschen Stockwerk wiederfinde.
  • In einer Französischstunde waren einmal ein paar ältere Damen zu Gast, die vor 50 Jahren an der Schule maturiert hatten. Wir haben gemeinsam „Je ne regrette rien“ gesungen. Die Besucherinnen haben so geschmettert, dass die SchülerInnen noch Wochen später darüber geredet haben.
  • Als wir von La Rochelle mit dem Zug zurück nach Salzburg fuhren, waren wir, SchülerInnen und Lehrerinnen, nach über zehn Stunden Zugfahrt so überdreht, dass ich mich bei den Mitreisenden für den Lärm entschuldigt habe. Aber nicht ein einziger Fahrgast war uns böse.
  • Nach vier Tagen in Berlin mit 28 SchülerInnen waren meine Kollegin und ich so erleichtert, dass wir vor lauter Euphorie fast den Abflug verpassten. Als wir endlich in den Flieger einstiegen, saßen die SchülerInnen bereits angeschnallt auf ihren Plätzen und schauten uns mit großen Augen an, weil wir so spät daherkamen.
  • Mitunter gibt es in den Pausen so viel zu klären und zu besprechen, dass ich zu spät in den Unterricht komme. Ich entschuldige mich jedes Mal dafür, obwohl die SchülerInnen eigentlich nie so wirken, als wäre das für sie ein Problem.
  • Manchmal gibt es aber auch in einer Klasse nach dem Unterricht noch so viel zu besprechen, dass ich erst in Richtung Konferenzzimmer gehe, wenn die KollegInnen bereits wieder in Richtung Klassenzimmer aufbrechen. Solche Tage sind anstrengend.
  • Auf meiner ersten Sportwoche in Kärnten wollte ich sämtliche Sportarten ausprobieren und überall mitmachen. Nach drei Tagen hatte ich so einen Muskelkater, dass ich mich kaum mehr bewegen konnte.
  • Als ich vor zehn Jahren an die Schule kam, hatten wir noch eine Schulglocke. Irgendwann stellten wir sie versuchsweise ab. Zu Beginn gab es SchülerInnen und auch LehrerInnen, die das Läuten unbedingt wieder einführen wollten. Mittlerweile denkt, glaube ich, keiner mehr daran.
  • Ob eine Schulstunde gut gelingt oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab. Manchmal ist eine detaillierte Unterrichtsplanung förderlich, bisweilen aber auch nicht. Was mich zur Höchstleistung anspornt, ist so etwas wie aufmerksame Resonanz von Seiten der SchülerInnen. Wenn ich das Gefühl habe, sie sind gedanklich dabei und finden den Inhalt interessant, beflügelt mich das richtiggehend.
  • Das produktive Chaos bei Gruppenarbeiten kann ebenfalls beglücken. Ich liebe es, von Gruppe zu Gruppe zu gehen, ein bisschen zuzuhören und ein paar Tipps zu geben. Oft freue ich mich dann schon richtig auf die Präsentation der Ergebnisse. Ganz besonders bei szenischen Darbietungen.
  • Immer wieder überrascht mich die Kreativität der SchülerInnen. Was SchülerInnen gemeinsam einfällt, auf welche Ideen sie kommen, wie sie sich gegenseitig anstacheln und ihre Potentiale entfalten, das ist immer wieder erstaunlich.
  • In den Sommerferien nehme ich mir jedes Mal vor, das nächste Schuljahr gelassener anzugehen. Die guten Vorsätze halten zu Schulbeginn meist nicht länger als ein paar Stunden. Bereits am ersten Tag prasseln so viele Dinge auf einen ein, dass es mit der Gelassenheit wieder vorbei ist. Aber jetzt sind eh erst einmal Ferien.

(nemo)