Gastbeitrag: Schule, türkis mit blauen Streifen. Quo vadis?

Exkurs nach China

China. Im Amt für Ehrlichkeit, wo der chinesische Staat für jedeN BürgerIn ein Konto eröffnet: Dieses Amt ist verbunden mit nationalen Datenbanken, die Zugriff haben auf Online-Plattformen, Banken, usw. Pluspunkte erhält, wer sich in der Arbeit vorbildlich verhält, wer Blut spendet, seine Stromrechnung regelmäßig bezahlt, keine Pornoseiten im Internet besucht, sich um ältere Menschen kümmert und die richtigen FreundInnen hat. Ungehöriges Verhalten, wo auch immer, zieht einen Punkteverlust nach sich. Es wird möglich, den zukünftigen Schwiegersohn zu durchleuchten, die Haushaltshilfe, die Chefin. Menschen mit weniger Punkten können keine höheren Ämter bekleiden, haben Probleme bei Auslandsvisa, müssen mit Einschnitten beim Sozialsystem rechnen und ihre Kinder werden es nicht auf die guten Schulen schaffen. Gemeinsam mit der analogen und digitalen Überwachung und Gesichtserkennung steht dem gläsernen Menschen, dem fügsam gemachten Bürger nichts mehr im Wege. Eine Dystopie, wie sie in der Serie Black Mirror Season 3 Episode Nosedive kreiert wird, wird zur Realität.

Was das alles mit dem österreichischen Bildungssystem zu tun hat? Wenig, aber doch etwas Wesentliches – beide erheben Daten zu unumkehrbaren Fakten und geben ihnen einen Stellenwert, der ihnen verweigert werden sollte. Beide stützen sich auf quantifizierbare Daten und bestimmte Fragestellungen und stellen sie über den symbolischen Sinn des Menschseins. Eine nicht unwichtige Gemeinsamkeit.

Das aktuelle Regierungsprogramm zur Bildung

Die türkis-blaue Regierung ist angetreten mit einem neoliberalen Law-and-Order-Angebot – im viertsichersten Land weltweit wohlgemerkt – und will diese nun auch verwirklichen. In einer Demokratie absolut legitim. Ihr Regierungsprogramm bringt im Bereich der Bildung keine großen Überraschungen. Es steht kein großer Bruch zu den Entwicklungen der letzten Jahre bevor. Die Pläne sind vage formuliert und zeugen von einem konservativen Weltbild, das sich niederschlägt in Maßnahmen wie der „Benotung von 1-5 auch in der Volksschule“, der „Beibehaltung der Sonderschulen“ (übrigens ein Begriff aus der NS-Zeit) oder einer „Elementarpädagogik mit der Sicherstellung, dass gegengesellschaftliche Lebensarten nicht gefördert werden“. Bei letzterem sind vermutlich von der traditionell katholischen Vater-Mutter-Kind-Gemeinschaft abweichende Lebensmodelle gemeint.

Grundsätzlich erwartet uns abgesehen davon nichts großartig Neues, außer, dass eine beunruhigende Entwicklung von Schule unter einer „Wirtschaft-zuerst“-Regierung verstärkt fortgeführt wird, nämlich jene der zunehmenden kurzsichtigen Vergleichbarkeit von Schulen und SchülerInnenleistungen. Klingt harmlos? Ist es aber nicht.

Comparo ergo sum

Das goldene Kalb „Vergleichbarkeit“ wird im Programm großgeschrieben. „Standardisierung“, „Kernkompetenzen“, „nationale und internationale Testungen“ etc. prägen seit einigen Jahren das österreichische Bildungssystem. Obwohl in den letzten Jahren viel die Rede ist von „Individualisierung“ und „gezielter Förderung“, „Durchschnittsfalle“ und „Begabtenförderung“ sehen wir an den Schulen das Gegenteil, nämlich eine verstärkte Generalisierung, eine Konzentration auf zentral vorgegebene Inhalte und Scheinobjektivität. Vergleichbarkeit um jeden Preis hat aber ihren Preis. Inhalte müssen standardisiert vorgegeben werden, es muss vermehrt getestet werden, um vergleichen zu können. Einer nun „endlich gerechten und scheinbar objektiven“ Beurteilung werden die Diversität im Unterricht, die Bedürfnisse der SchülerInnen und ihre Freiräume geopfert. Dass Schule im Sinne der Aufklärung eigentlich mehr ist als die Summe ihrer Testergebnisse, gerät über all den Kompetenzrastern und Talente-Checks in Vergessenheit.

Bildung braucht Freiräume

Das hehre aufklärerische Bildungsideal, das ein autonomes Individuum zum Ziel hat, das Selbstbestimmung und Mündigkeit durch seinen Vernunftgebrauch erlangt, findet sich in den Regierungsprogrammen nicht mehr. Ich stehe im Wettbewerb, also bin ich. Wer sich permanent beobachtet und kontrolliert weiß, andauernd mit Überprüfungen und Testungen rechnen muss, wer ständig gezwungen ist, sich zu vergleichen und im Wettbewerb steht, verhält sich anders, wird anders und erfüllt – möglicherweise ohne das zu wollen – die letztendlich auf Entindividualisierung ausgerichteten Erwartungen einer neoliberalen Gesellschaftsordnung. Das Interesse am einzelnen und einzigartigen Kind ist damit, so scheint es, erloschen. Vielfalt ist zur leeren Worthülse geworden.

Eine Bildung, die Kindern und jungen Menschen Wissen, soziale Kompetenz, Vertrauen in sich selbst vermitteln soll, damit sie mutig und angstfrei in die Zukunft schauen, eine Bildung dieser Art braucht Freiräume. Freiräume, um sich auszuprobieren, sich zu entdecken. Freiräume, die auch ein Scheitern erlauben, Freiräume, um auf die Nase zu fallen, und solche, um wieder aufzustehen. Freiräume und Zeit und finanzielle Mittel an den Schulen – für alle Beteiligten. Es braucht Vertrauen vom System in die Handelnden, es braucht Vertrauen in die Lehrenden und Vertrauen in die SchülerInnen. Und ja: Solche Ergebnisse lassen sich weniger gut in den beliebten Balkendiagrammen darstellen, sie lassen sich kaum messen, sie lassen sich maximal langfristig und qualitativ erheben. Sie lassen sich nicht verkaufen. Sie haben keinen Preis – nur einen Wert. Nämlich eine liberale Gesellschaft, die sich gegen Maßnahmen wie in China (noch) mit all ihrer Kraft wehren würde.

Sabine Helmberger ist Lehrerin in Salzburg

Filmtipp: Alphabet

Die Dokumentation von Erwin Wagenhofer widmet sich dem Thema Bildung. PädagogInnen wie Hirnforscher kommen zu Wort. Internationale Systeme werden genauer betrachtet. Und manchen ist vielleicht noch die Szene in Erwin Wagenhofers Film „Alphabet“ im Gedächtnis, wo die Mutter eines chinesischen Jungens stolz sämtliche Urkunden und Zeugnisse zeigt. Sie berichtet über seine Erfolge, während er eingefallen mit bleichen Wangen daneben sitzt. Natürlich ist der Film kritisch zu betrachten. Er ist in seiner Darstellung einseitig, die individuellen, emotionalen Geschichten werden in den Vordergrund gerückt, die Familie Stern wird verklärt. Aber dieser Film dient uns auch als Ist-Analyse, wo wir sind, und als Warnung, in welche Richtung wir gehen. Er stellt die Frage, ob wir dort wirklich hinwollen. Oder nicht lieber bleiben, wo wir sind. Auch wenn Stillstand mittlerweile zum Schimpfwort geworden ist.

Factbox: FinanzierungDas Schulwesen ist in Österreich seit Jahren massiv unterfinanziert. In den letzten 20 Jahren reduzierte sich der Anteil des BIP, der dem Schulwesen zur Verfügung gestellt wird, von 4,3% auf 3,2 %, somit um ein Viertel. Der OECD-Mittelwert liegt immerhin bei 3,8 %.[1]
Reformitis erschwert den Schulalltag

In den letzten fünf Jahren wurden praktisch im Halbjahrestakt weitreichende „Reformen“ durchgeführt. Oft wenig ausgereift, meistens kurzfristig ohne lange Vorlaufszeit, teilweise wurden sie nach einer Probezeit adaptiert oder zurückgenommen – auf dem Rücken der SchülerInnen und der Lehrkräfte!

Eine Auswahl: Vorwissenschaftliche Arbeiten – Zentrale schriftliche Reifeprüfung, aber keine adaptierten Schulbücher, Materialien – neue Lehrpläne, aber keine adaptierten Schulbücher und Materialien – Teamteaching – Richtlinien zur Beurteilung von Kompetenzen im Widerspruch zur Prüfungsverordnung – Hauptschule wird zu Neuer Mittelschule – KlassenschülerInnen-Höchst- und Teilungszahlen – Einführung der ausgesprochen fehleranfälliges Schulverwaltungssoftware Sokrates – semestrierte Oberstufe – immer mehr Verwaltungsaufwand – Leistungsgruppen werden abgeschafft – mündliche Reifeprüfung – Schulautonomiegesetz – PädagogInnenausbildung neu – Neue Oberstufe – etc.

[1] Gertraud Salzmann, Gewerkschaftsvorsitzende der AHS-Landesleitung Salzburg, 2017, in einer Stellungnahme zum Bildungsreformgesetz 2017. https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXV/SNME/SNME_11200/fnameorig_633266.html

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